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Eine Reise nach Bayern

Sie, Ihre Frau und Ihre Tochter sind nach langer und anstrengender Fahrt endlich in der bayerischen Hauptstadt angekommen. Am Münchner Hauptbahnhof steigen Sie aus und da Sie noch weiter zu Ihrem Hotel in der Stadt kommen wollen, um sich endlich ein bißchen auszuruhen, fragen Sie nach dem Weg.

     
   

Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht, Hallo, Hallöchen

Griàs Gōd, Griàs de bzw. Seàwas (bei vertrauten Personen)

     
weitere Begrüßungsformeln...
   

Mein Name ist...

I bin da...

   

Können Sie uns bitte sagen, wie wir ins Hotel Maritim kommen?

Kenna Sie mià sōng, wià ma ins Hotei Maritim kumma?

   

Müssen wir mit dem Taxi fahren oder können wir auch zu Fuß gehen?

Miàs ma uns dò a Taxi nemma oda kemma z'Fuas geh?

     
 

Für's Erste würden Sie an dieser Stelle, bei Einhaltung der korrekten Aussprache wie in Lektion 1 beschrieben, einen gebührlichen Respekt bei einem bayrischen Ansprechpartner erhalten. Leider ist die Wahrscheinlichkeit, in der Stadt München auf dem Hauptbahnhof einen Bayern zu treffen so hoch wie die Wiedereinführung der Monarchie.

Wir nehmen einmal an, Sie haben tatsächlich einen Bayern getroffen (vielleicht, weil Sie sich gezielt einen verdächtig Aussehenden ausgesucht haben), dann könnte die Antwort so lauten:

Ja, griàs gōd, deskōnnedaschōsōng, dokōnsdzfuàsgeh desisgoànedsoweidned, gest Gödestras owe unnachadnauf zur Schwandalahä und nasigsdasschōlinkswōdesblaueschuidlis! Hosdme?

Wissenswertes vorweg

Jetzt nur keine Panik, gleich nach diesem Sprung ins linguistische Eiswasser kommt die Aufklärung. Wir wollen Ihnen die Sprache so realistisch wie möglich beibringen und je besser Sie auf einen Sermon wie den obigen vorbereitet sind, umso weniger kann man Sie überraschen. Das genannte Antwortbeispiel bietet eine Vielzahl an Eigenheiten der bayrischen Sprache, die wir zum besseren Verständnis vorab erläutern möchten.

Ja, grias gōd... (Ja, Grüß Gott...) - Trotz seiner Grantelei ist der Bayer ein durch und durch höflicher Mensch, der weiß, wen er zu grüßen hat (und vor allem wen nicht, hierzulande eine große Kränkung für das Gegenüber).

...deskōnnedaschōsōng... ('das kann ich Dir (Ihnen) schon sagen') - abgesehen davon, dass der Bayer jederzeit gerne Auskünfte erteilt, bevorzugt er es, auch fremde Personen zu duzen. Sie sollten das als Kompliment betrachten. Schlimmer ist es, wenn er irgendwann anfängt, Sie wieder zu siezen.

...dokōnsdzfuàsgeh desisgoànedsoweidned... ('da kannst Du zu Fuß gehen, das ist gar nicht so weit (nicht)) - die doppelte, gar dreifache Verneinung ist im Bayrischen sehr verbreitet. Die Aussage wird dadurch nicht negativer, sondern es handelt sich nur um eine Eigenart der Sprache.

...gest Gödestras owe unnachadnauf zur Schwandalahä... ('du gehst die Goethestraße runter und dann rauf zur Schwanthalerhöhe') - während man das Wort 'nauf' noch als 'hinauf' interpretieren kann, setzt dieser Mechanismus bei dem Wort 'owe' aus. Bitte nicht mit 'oben' verwechseln, das wäre fatal, die richtige Übersetzung ist genau das Gegenteil, nämlich 'hinunter'.

...und nasigsdasschōlinkswōdesblaueschuidlis! Hosd me? ('und dann siehst du es schon links, wo das blaue Schild ist! Verstanden?') - Gerne und oft arbeitet der Bayer mit der Verkleinerungsform, sprachwissenschaftlich Diminutiv genannt. So wird aus dem 'Schild' ein 'Schuidl' und aus der 'Tür' ein 'Diàrl'. Der Bayer verbindet damit nur dann Affektiertheit (oder besser Niedlichkeit), wenn das Wort im Bayrischen normalerweise nicht mit dem Diminutiv gebildet wird: 'a Hundal' ('ein Hündchen') bezeichnet wirklich einen kleinen Hund, ein 'Buidl' ('Bildchen') jedoch nicht ein kleines, sondern ein ganz normales Bild. Leider gibt es hier keine Regelmäßigkeit, man muß den Diminutiv dort, wo er hingehört, lernen wie ein jedes andere Wort einer Fremdsprache. Zu guter Letzt versichert sich der Bayer, ob seine Botschaft auch angekommen ist, mehr für sich selbst als für den Angesprochenen. Auf diese letzte Frage muß nicht geantwortet werden.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, dann holen Sie erst mal tief Luft, denn jetzt haben Sie einen Sprachmarathon in der Zeit hingelegt, in der ein Bayer bei größter Sommerhitze eine Maß Bier trinkt.

Ab hier machen wir etwas langsamer.

Eins noch: Mit großer Vorliebe spricht der Bayer ohne Punkt und Komma. Bei kurzen Antworten sind die Anforderung an den sprachlichen Intellekt des Nichtbayern noch zu bewältigen, wie z.B. wenn er sagt 'Sammawiedaguad' ('Lass uns wieder Freunde sein'). Sollte er aber, weil er sich beispielsweise aus irgendeinem Grund aufregt, seiner Zunge freien Lauf lassen, steigen die Anforderungen direkt proportional:

himmeheàgōdna graizbirnbāmundhollaschdaun zefixhallelujasaggl zemendnoamoi durindviechdukariàds....

Zur wichtigen gesellschaftlichen Funktion des Fluchens werden wir später mehr erläutern.

Hier geht's zu Lektion 3...