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Die fünfte Jahreszeit

Wenn Sie jetzt denken: 'Wie bitte, die fünfte Jahreszeit? Gibt's doch gar nicht, sind doch nur vier.', dann haben Sie bedingt recht. Da die Bayern ihr Bier über alles lieben, haben sie ihm eine eigene Jahreszeit kredenzt. Und die ist ausgesprochen feucht und sehr ausgelassen. Jedes Jahr, Ende März (deshalb wird das Bier auch Märzen genannt) schenken die bayrischen Brauereien in ihren Traditionsgaststätten, wie z.B. im Paulaner am Nockherberg oder im Löwenbräukeller einen besonders starken, nach strengen, geheimen Rezepten gebrauten Gerstensaft aus. Aber Vorsicht, die über 12% Stammwürze dieses exklusiven Getränks können Ihnen im Handumdrehen die Sinne vernebeln. Aber Sie werden sehen, dass Sie sich dann in bester Gesellschaft befinden.

Also packen Sie nach dem religösen Brimborium der letzten Lektionen Ihre Frau ein und lassen die Kinder im Hotel. Sie haben sich den Nockherberg als Ziel Ihres spirituosen Ausflugs ausgesucht und sich wohlweislich mit der öffentlichen Tram dorthin begeben. An der Haltestelle Ostfriedhof steigen Sie aus und folgen der strömenden Menge zum Eingang der Paulaner-Gaststätte. Sie wundern sich etwas über das Eintrittsgeld von 7,95 Euro, sind aber gleich wieder beruhigt als Sie hören, dass der erste Liter Bier gratis, aber sicher nicht umsonst ist.

     
   
Im Wirtshaus....
 

Guten Abend, die Herrschaften. Verzeihen Sie, sind diese Plätze noch frei?

Grias aich Laidl. Habt's nachad no a Platzl an aiam Diesch frai?

     

Selbstverständlich, setzen Sie sich doch bitte.

A fraili, so gwampad samma ā wieda ned. Setzts aich hi.

   

Und, haben Sie schon dieses Starkbier probiert?

Und, habts na scho a Maß fo dera soacha Wassaschnoizn gsuffa?

   

Ja natürlich, wir sind bereits bei der vierten Mass angelangt. Und das wird sicher nicht die letzte sein.

A scho, des is scho d'fiàte Maß. Und oane back ma oiwai no.

   

Respekt! Na, dann wollen wir auch mal loslegen. Bedienung, bitte 2 Mass, eine für mich und eine für meine Frau.

Eàm schaug ō! Na woima hoid ā amoi oàne zuzln. Zenzi, zwoà Maß, biddsche, oàne fià mi und oàne fià mai Oide.

     

Lasst uns die Gläser auf einen Trinkspruch erheben. Wohlsein!

Hoch de Depf und schwoàbt sas owe, de Bria. Prost!

     
 

Erläuterungen zur Lektion

Obwohl die Starkbierzeit eigentlich in die Fastenzeit nach Fasching fällt, die eher gediegen und besinnlich vollzogen werden sollte, geht es in den Traditionsgaststätten ganz und gar nicht enthaltsam zu. Man vermutet, dass die Salvatormönche, die schon 1629 mit der Herstellung dieses süffigen Gebräus anfingen, auf diese Weise versuchten, die Fastenzeit erträglicher zu machen. Sie benutzten hierzu als Vorwand für das Brauen des Spezialbiers den Festtag zu Ehren des heiligen Franz von Paula, ganz nach dem bayrischen Motto: 'Bläd deàf ma sai, ma muàs se bloß z'häifa wissen' - 'Dumm darf man sein, man muß sich nur zu helfen wissen'.

Schon bald pilgerten die Münchner zum Bier trinken in das Kloster vor den Toren der Stadt, obwohl die Salvatormönche gar kein offizielles Braurecht besaßen. Bier durfte bis dahin nur an Personen ausgeschenkt werden, die zum Kloster gehörten. Erst der bayerische Kurfürst Karl Theodor lockerte 1780 die strengen Regeln zum Bierausschank, die von den findigen Mönchen eher locker gehandhabt wurden.

Schließlich erhielten die Paulanermönche 1751 die Erlaubnis, ein nach ihrem Namenspatron 'Sankt-Vater-Bier' genanntes Starkbier zu brauen, das im Volksmund zum Salvator-Bier umbenannt wurde. Andere Brauereien haben versucht, diesen Trend zu imitieren und deshalb ihre Starkbiere ebenfalls mit dem Namensende '-ator' versehen. Ein bekanntes und erfolgreiches Beispiel ist der Triumphator von Löwenbräu.

Übrigens, im Gegensatz zum Oktoberfest ist die Starkbierzeit eine Art angenehmer Pflichtgang, die sich kein Münchner entgehen lässt....

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